ARTIKEL: Die Geburt als heilender Prozess (Arbeiten mit dem Geburtskanal)


Für unsere Weiterbildung “Erfahrung aus Schwangerschaft und Geburt als Quelle von
Heilung“ haben wir, Franz Renggli mit Michaela Mardonovic und Assistent Andreas
Leuschner, für den Kurs II "Geburt" neue Wege ausprobiert: Den Geburtskanal,
wie er von William Emerson entwickelt worden ist, haben wir mit Elementen aus der
systemischen Familientherapie ergänzt.


A) Raumgestaltung: Orte und Organisation


Der Raum muss ausreichend groß sein und Platz für den Geburtskanal sowie mehrere
Orte für den Prozess des emotionalen Nachnährens nach der Geburt, dem sog. Bonding,
bieten.
Der Prozess der Geburt spielt sich am Boden ab. Der Geburtskanal wird von den
Teilnehmenden der Weiterbildung gebildet, die sich in zwei Reihen gegenüber sitzen.
Zwischen ihnen liegt eine entsprechend lange Reihe von Matten als Weg. Am Anfang des
Kanals befindet sich eine Sitzgelegenheit für die reisende Person, am Ende gibt es
genügend Platz für die Eltern.
Die leitenden Therapeuten sitzen am Kanaleingang neben der reisenden Person.


B) Einstimmung ins Thema


Den Einstieg zu dem 5,5-tägigen Seminar beginnen wir mit einer Vorstellungsrunde,
gefolgt von einer geführten Meditation zu den Umständen der realen eigenen Geburt.
Dazu legen sich alle Teilnehmenden bequem auf den Boden.


„Lass dich jetzt zu deiner Geburt führen. Versuche dabei eine Haltung von Offenheit und
Akzeptanz einzunehmen. Falls keine Erinnerungen oder Bilder auftauchen, ist dies ganz in
Ordnung. Mach dir keinen Druck, selbst Einschlafen ist OK. Die Zeit deiner Geburt kommt
näher:
Wie fühlst du dich?
Wie geht es deiner Mama?
Wo seid ihr? Zu Hause, im Geburtshaus, Krankenhaus...?
Wer ist mit dabei? Der Papa, Mamas Mutter, Hebamme, Arzt,...?
Wie fühlt sich deine Mutter? Begleitet, gut aufgehoben, geborgen, stark, freudig... oder
hilflos, allein, verlassen, ausgeliefert, voller Angst, Befürchtungen, schwach,...?
Welchen Verlauf nimmt die Geburt? Seid ihr, deine Mutter und du, im Zusammenspiel
und selbst bestimmt? Oder gibt es Eingriffe? Welcher Art? Wie läuft es für dich,....?“
Nach diesen Worten bekommen die Teilnehmenden ca. 20 - 30 Minuten Zeit der Stille.


C) Geburtsvorbereitungen


1. Eine Person entscheidet sich, ihren Geburtsprozess zu machen. Wir nennen sie in
diesem Text die reisende Person. Als erstes sucht sie sich Stellvertreter für ihre idealen
Eltern aus den Teilnehmern aus. Sie gestaltet mit ihnen den Ort des Nachnährens
(Bonding) mit Decken und Kissen so kuschelig wie möglich oder schaut genießerisch zu,
wie diese dies für ihr "Kind" tun.

2. Die reisende Person erzählt, was sie über die eigene Geburt weiß und was sie der

Gruppe darüber erzählen möchte. Die leitenden Therapeuten sind in dieser Phase die
Gesprächspartner, die nachfragen, Zeit zum Nachspüren geben, etwas auf den Punkt
bringen oder klären und verstehen wollen, wie die kommende Geburt gestaltet werden soll
und was anders sein soll als „damals“.


3. Die reisende Person spürt nach, wie sich ihre Elternwahl anfühlt. Fühlt sie sich bei
ihnen willkommen? Ist deren Beziehung stimmig? Evt. fragen sich auch die Eltern, ob sie
zueinander eine liebevolle Verbindung spüren und ob sie der Aufgabe, ein Kind zu
bekommen, gewachsen sind.
Wenn nicht, versuchen die Therapeuten herauszufinden, wie die Eltern unterstützt werden
können. Braucht es Menschen aus dem Familiensystem (etwa Großeltern) oder eher eine
Kraft für das, was gefehlt hat (z.B. die bedingungslose Liebe)? Teilnehmer des Seminars
stellen sich als Repräsentanten zur Verfügung und setzen sich in passender Nähe zu den
Eltern. Sobald diese eine gute Beziehung zueinander spüren und sich gemeinsam auf das
Baby freuen können. kann der nächste Schritt, die Geburt, beginnen.
Bei dem Prozess, den Mangel der Eltern zu beheben, übernimmt das "Kind" bewusst
keine Verantwortung. Es ist die Aufgabe der Eltern gut für sich zu sorgen. Dabei werden
sie von den Therapeuten unterstützt. Das „Kind“ mutet sich seiner Mama und seinen
Eltern zu. Es kümmert sich nicht um ihr Wohlbefinden.
Wir Therapeuten fühlen uns als geistige Eltern der Reisenden, die ihr Kind auf seiner
Seelenreise begleiten und es in all seinen Entscheidungen aus dieser geistigen
Elternschaft heraus unterstützen. Gleichzeitig hüten und halten wir den ganzen Prozess,
so dass die reisende Person ganz im Hier und Jetzt sein kann, im Vertrauen, dass diese
Geburt dieses Mal eine heilende Qualität erhält.


4. Die reisende Person richtet jetzt ihre Aufmerksamkeit auf den Impuls, ihre Geburt zu
beginnen. Sie weist den Geburtskanal an, wie er sich verhalten soll: Eng oder Raum
gebend, ruhig oder bewegt, singend oder summend.... Sie prüft, ob sie für die Reise eine
Begleitung außen am Geburtskanal möchte: Mutter, Vater, Hebamme, Zwilling oder
geistige Helfer.... Zum Schluss kann auch die Lage, in der sie „reisen“ möchte noch
Thema sein: Bauch, Rücken, Seite, als Steißgeburt.....


D) Der Weg durch den Geburtskanal


Die Gruppenteilnehmer bilden jetzt den Geburtskanal. Sie beugen sich jeweils von links
und von rechts, auf allen Vieren über den Mattenweg, schmiegen sich eng aneinander, so
dass ein dunkler Tunnel entsteht.
Die leitenden Therapeuten sind präsent, fragen regelmäßig einfühlsam nach und
versichern sich, dass für die reisende Person »alles stimmt«. Sie informieren, was die
Eltern gerade tun, spornen an und fordern auf, sich Zeit zu lassen und Pausen einzulegen
(....). Auch die begleitenden Personen außen lassen sich mit unterstützenden
Äußerungen vernehmen und machen Mut, die Anstrengung auf sich zu nehmen oder
drücken ihre Freude aus.
Nach Bedarf kann der Geburtskanal verlängert werden, indem sich Teilnehmer hinten
wieder anschließen, damit die Reise genügend lange dauert. Meist ist es hilfreich, an den
Füßen der reisenden Person Widerstand zu geben, damit sie sich abstoßen kann.


E) Nach der Geburt

Kommt die reisende Person aus dem Geburtskanal, wird sie von den Eltern freudig in
Empfang genommen und begrüßt. Diese Freude der Eltern, das Erwartet und Gesehen
werden zu spüren und zu erleben darf jetzt mit Wohlbehagen aufgenommen werden.
Nach einer gewissen Zeit wird das „Baby“ von Eltern und Helfern ins vorbereitete „Nest“
getragen, wo das Genießen weitergehen kann: Für diesen Bondingprozess soll
unbegrenzt Zeit zur Verfügung stehen. Die Eltern sorgen für Wärme (Decken),
Körperkontakt und erfüllen alle Wünsche ihres Babys. Es genießt die Geborgenheit und
nimmt mit allen Fasern und Zellen die fürsorgliche Nähe auf. Oft möchten alle Sinne daran
beteiligt sein: Stimmen für das Ohr, Blickkontakte, Berührungen und ganz allgemein eine
kuschelige Nähe.
Der Geburtskanal ist jetzt frei und die nächste Person entscheidet sich für ihren
Geburtsprozess.


Wichtige Hinweise für Therapeuten
Wir sollten kein Bild im Kopf haben, wie „Geburt“ aussehen soll. Für eine heilende
Erfahrung der reisenden Person ist es Voraussetzung, dass sie dieses Mal in einem
idealen Setting nach ihrer Wahl geboren werden kann. Wir wollen sie im Hier und Jetzt
unterstützen, Unerledigtes, Gefehltes, Schmerzvolles von damals mit neuen Ressourcen
nachzuerlebt und transformieren zu können. Zur nachhaltigen Integration braucht es die
Verlangsamung, die Beteiligung aller Sinne und vor allem den Einbezug der
Körperempfindungen.


Selbst dann, wenn die reisende Person sich entscheidet, nicht auf die Welt kommen zu
wollen oder ohne eine Mutter ihre Geburt zu beginnen, folgen wir dieser Intuition und
vertrauen dabei auf die Weisheit ihrer inneren Heilerin bzw. ihres Heilers.


© Michaela Mardonovic (www.horus-center.com), Andreas Leuschner (www.coachingibp.ch) mit
Rückmeldungen aus der Weiterbildungsgruppe 2015 Franz Renggli „Erfahrung aus
Schwangerschaft und Geburt als Quelle von Heilung“, Kurs II „Geburt“ und verfasst mit Franz
Renggli (www.franz-renggli.ch).

Dieser Artikel wird ergänzt durch die Fallgeschichte im Vortrag von Franz Renggli „Geburt und
Lebensanfang“ auf der ISPPM - Tagung in Stolpen vom 21. - 23.10.2016

abgedruckt in "Bindung und Geburt im transgenerationalen Kontext (Geburt als Resilienzfaktor seelischer Gesundheit - Seelische Gesundheit als Resilienzfaktor der Geburt)" Mattes Verlag 2017

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